Vor dreißig Jahren ist Hans Schuierer als Landrat von Schwandorf abgetreten. Ohne ihn gäbe es wohl die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf. Der große Vorsitzende der CSU nannte ihn „Landesverräter“. Auf manche Beschimpfungen kann man stolz sein.
Ein 95. Geburtstag ist eigentlich kein Anlass für eine politische Kolumne – es sei denn der Jubilar war einmal Bundespräsident, Bundeskanzler oder ein umstrittener Minister. Ein Präsident, Kanzler oder Minister war aber der Mann nicht, von dem hier die Rede ist. Er war ein Kommunalpolitiker, ein SPD-Landrat; aber das war er immerhin 25 Jahre lang und seinerzeit gewählt mit fantastischen Mehrheiten; siebzig Prozent der Stimmen wurden für ihn abgegeben. Doch auch das ist kein Grund für eine Kolumne, und es ist auch schon ziemlich lang her: Vor dreißig Jahren ist der Mann, der am 6. Februar 95 wird, als Landrat von Schwandorf abgetreten. Bei so einem alten Herrn kommt dann üblicherweise, zu seinem „Ehrentag“, wie es in der Lokalzeitung heißt, der amtierende Bürgermeister oder Landrat vorbei, bringt eine Flasche Rotwein mit, ein paar ehrende Worte und einen Fotografen.
Bei dem Mann, um den es hier geht, ist das anders. Er war und ist bis heute eine Symbolfigur für Zivilcourage, für Standfestigkeit, für beharrliche Leidenschaft und Kampfgeist. Er verkörpert damit das, was eine demokratische Gesellschaft braucht, um in höchst bedrängter Situation demokratisch zu bleiben. Er ist auch nicht, wie man das von so alten Menschen gern barmherzig sagt, „immer noch ganz rüstig“, sondern ziemlich vital, er geht in die Schulen und wirbt dort bei den Jungen dafür, nicht auf Distanz zur Politik zu gehen, sondern notfalls auf die Straße, um die Politik zu beeinflussen. Er ist, mit 95 Jahren, ein demokratischer Influencer.
Er war das Gesicht des Widerstands gegen die WAA Wackersdorf
In einer Zeit, in der der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef die Atomkraft als „gottgewollt“ bezeichnete und behauptete, eine Wiederaufbereitungsanlage (WAA) sei „nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichen-Fabrik“, in einer Zeit, in der der Bau einer WAA bei Wackersdorf für die Regierungspartei CSU Teil der bayerischen Staatsräson war und die Protestierer Schimpfkanonaden über sich ergehen lassen mussten – in dieser Zeit hat er dagegen gehalten, mit aller Kraft, mit bedächtigem Zorn und mit nachhaltigem Trotz, wie er in seiner Heimat, der Oberpfalz, den Menschen eigen ist. Er war die Speerspitze der kleinen Leute, er war das Gesicht des Widerstands gegen die WAA Wackersdorf, er war der Widerstandsfähige und wurde deshalb vom Ministerpräsidenten als Landesverräter bezeichnet. Der Ministerpräsident hieß Franz Josef Strauß, der Landrat hieß Hans Schuierer. Der Landrat hat das große Ringen gewonnen. Das ist jetzt vierzig Jahre her. Es war ein Stück Zeitgeschichte, das Deutschland in Atem hielt.
Was lässt sich daraus lernen? Hans Schuierer sagt es immer und immer wieder: Wackersdorf sei „ein Lehrbeispiel dafür, was in einer Demokratie und in einem Rechtsstaat einfach nicht passieren darf.“ Er meint den Versuch, politische Pläne mit dem Schlagstock durchzusetzen. Er meint ständige Personen- und Fahrzeugkontrollen. Er meint bürgerkriegsähnliche Szenen. Er meint die Spezialeinsatzkommandos, die frühmorgens Bauernhöfe stürmten, weil die Bauernfamilie Demonstranten in der Scheune hatte übernachten lassen. Er meint die Staatsgewalt, die gegen die Demonstranten vom Hubschrauber aus Reiz- und Tränengas einsetzen ließ. Und er meint ein Gesetz, das seinen Namen trägt, die „Lex Schuierer“, um ihn, den Landrat, politisch zu entmündigen – weil er sich als Chef der Genehmigungsbehörde für das Atomprojekt quergelegt hatte. Durch ein „Selbsteintrittsrecht des Staates“ wurde das Landratsamt als die Behörde ausgebootet, die eigentlich für die bau- und wasserrechtliche Genehmigung der Atomanlage zuständig war. Der Widerstand begann zu kochen mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Es war dies der schwerste Unfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie: Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des Kernkraftwerks, setzte große Mengen Radioaktivität frei und machte weite Gebiete auf Jahrzehnte unbewohnbar.
Er überzeugt seine jungen Zuhörer, weil er glaubwürdig erzählen kann, wie er zum Widerständler geworden ist
In der bislang so ruhigen Oberpfalz entwickelte sich eine Allianz aus Bürgerinitiativen, Pfarrern, Naturschutzvereinen, kleinen Leuten und den Zugereisten aus der autonomen Szene. Von jeglicher Gewalttätigkeit distanzierte sich der Landrat strikt, trotzdem saßen in seinen Versammlungen Staatsschützer im Saal und notierten jeden Satz des Kommunalpolitikers mit. Man überzog ihn mit Disziplinarverfahren – und als er von der „Ein-Mann-Demokratie“ und von der „Großmannssucht der CSU-Demokratur“ sprach, brachte man ihn vor das Strafgericht. Der Strafrichter hielt solcherlei Reden dann zwar für ehrverletzend, sah jedoch von einer Bestrafung ab – wegen der sonst „untadeligen Amtsführung“ Schuierers. Der kündigte daraufhin an, dass er zwar auch in Zukunft klar gegen die Atompolitik Stellung beziehen wolle, dabei aber „gewählter formulieren“ werde.
Die jungen Diskussionsteilnehmer an den Schulen halten heute vieles von dem, was ihnen da vom alten Schuierer geschildert wird, für ziemlich unmöglich, weil man „doch in einem Rechtsstaat“ lebe. Sie erinnern sich aber dann daran, was heute in einer Demokratie, die von der Politikwissenschaft und von der Publizistik gern als die älteste moderne Demokratie bezeichnet wird, so alles möglich ist. Hans Schuierer ist kein Politikwissenschaftler und auch kein USA-Kenner; aber er weiß, was passiert, wenn Politik den Rechtsstaat missachtet.
Und er überzeugt seine jungen Zuhörerinnen und Zuhörer, weil er nicht siebengescheit daherredet, sondern weil er glaubwürdig erzählen kann, wie er zum Widerständler geworden ist und warum der Regierungsmacht damals des Widerspenstigen Zähmung nicht gelungen ist: Auf den Plänen für die angeblich „saubere Fabrik“ hatte er einen fast zweihundert Meter hohen Kamin entdeckt. Als er die Vertreter der Betreiberfirma dazu befragte, sagte man ihm, „dass so die radioaktiven Schadstoffe gleichmäßiger verteilt werden sollen“. Von dem Augenblick an habe er, so erzählt er, der sich vorher auf die neuen Arbeitsplätze in einer Region mit zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit gefreut hatte, den Kampf gegen die WAA aufgenommen. Der gelernte Maurer, aus dem ein gestandener Politiker wurde, zitiert heute wie damals gern einen Satz, der oft Bertolt Brecht zugeschrieben wird (aber in seinem Kern von Papst Leo XIII. stammt): „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand Pflicht“.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 29.01.2026 in der Süddeutschen Zeitung.