In den Online-Kulturen von heute gibt es „eine große Bereitschaft, sich mit psychiatrischen Diagnosen zu identifizieren und diese öffentlich zu zeigen.“ Von dieser Feststellung geht die Wiener Soziologin Laura Wiesböck aus – und darüber hat sie ein aufschlussreiches, ein prickelnd kluges, ein phänomenal gutes Buch geschrieben. Sie schreibt über die Schematisierung und Pathologisierung von leidvollen Erfahrungen. Sie denkt darüber nach, ob alltägliche Gereiztheit wirklich schon etwas mit beeinträchtigter psychischer Gesundheit zu tun hat. Sie geht der Frage nach, ob und warum Trauer, menschliches Leid oder Funktionsbeeinträchtigungen „zunehmend als krankhaft eingestuft werden“.

Beim Lesen prüft man sich selber: Ist Trauer nicht auch eine tiefe menschliche Erfahrung, ist sie nicht eine Art, mit einem Verlust zu leben, ohne ihn gleich zu überwinden oder gar zu vergessen? Und: Was bedeutet es, wenn Melancholie als Depression wahrgenommen, Schüchternheit als Sozialphobie gelabelt und „Trauma“ als Synonym für unangenehme Erfahrungen verwendet wird? Laura Wiesböck analysiert sehr gescheit „die gegenwärtige gesellschaftliche Entschlossenheit, hinderliche oder unangenehme Gefühlslagen, Handlungsweisen, Erfahrungen“, also auch Alltagsbefindlichkeiten, krankhaft zu deuten. Unbedingt lesenswert!

Laura Wiesböck: Digitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend. Das Buch ist 2025 im Wiener Verlag Paul Zsolnay als Hardcover erschienen, es hat 176 Seiten und kostet 22 Euro.