Es gibt nicht nur das Trump-Amerika. Es gibt auch das andere – das Amerika von John F. Kennedy und Martin Luther King. Die Gedenktage am Montag und am Dienstag erinnern daran. Die Demonstrationen im ganzen Land auch.

Von Heribert Prant

Wenn Trump einfach nur der Onkel Donald wäre, ein Verwandter in Übersee, dann würde man jetzt beschließen, dass man mit ihm ab sofort nichts mehr zu tun haben will – und sich dann auch konsequent daran halten. Aber: So einfach ist das mit Trump nicht. Trump ist, auch wenn er Recht bricht, Recht missachtet und Recht verachtet, derzeit der Anführer der größten Militär- und Wirtschaftsmacht der Erde. Er ist es auch dann, wenn man ihn für verrückt hält. Europa muss sich darauf einstellen.

Aber: Er ist nicht Amerika, auch wenn er das gern wäre; und so verrückt, wie er sich geriert, ist Amerika nicht. Es gibt zwei bevorstehende Jahrestage, die daran erinnern; sie stehen für ein anderes Amerika. Am morgigen Montag wird in den USA der Martin-Luther-King-Tag als Feiertag begangen; man denkt an Martin Luther Kings Jahrhundert-Rede im August 1963, in der er von sozialer Gerechtigkeit und von der Überwindung des Rassismus in Amerika träumte: „I have a dream“.

Das alte Pathos der Solidarität und das neue Pathos der Brutalität

Und übermorgen, am Dienstag, jährt sich zum 65. Mal die Antrittsrede von John F. Kennedy als US-Präsident. Es war auch dies eine Jahrhundert-Rede. Sie war und ist anrührend und ergreifend in ihrer subtilen Theatralik. Sie ist gar nicht lang, nicht einmal eine Viertelstunde, aber trotzdem eine Gänsehaut-Rede, zum Weinen schön fast. Das liegt nicht nur an der Zuversicht, die sie schafft; das liegt nicht nur an der Hoffnung, die sie weckt; das liegt nicht nur an der Solidarität mit den Verbündeten, die sie verspricht. Das liegt heute auch am Kontrast zum rhetorischen Getrampel des amtierenden US-Präsidenten Trump. Es ist der größtmögliche Kontrast, den man sich vorstellen kann.

Kennedys Rede hat einen internationalen Grundton, Trumps Reden und Handeln sind nationalistisch und egomanisch durchtränkt. Der eine, Kennedy, redet von Werten, der andere leugnet sie. Der eine redet vom Bürgersinn und von staatsbürgerlicher Verantwortung; berühmt geworden ist sein Satz aus der Inaugurationsrede: „Ask not, what your country can do for you – ask what you can do for your country“ – Frage nicht danach, was dein Land für dich tun kann, frage danach, was du für dein Land tun kannst. Trump geht es nur darum, was sein Land für ihn tun kann. Deshalb hört man die Kennedy-Rede mit Wehmut und man schaut sie auf den alten Bildern an mit Nostalgie.

Diese Rede hilft ein wenig dabei, an der Gegenwart, an der polternden Aggressivität eines Donald Trump nicht zu verzweifeln. Die USA, so sagte Kennedy vor 65 Jahren, würden „jeden Preis zahlen, jede Bürde auf sich nehmen, jede Härte ertragen, jedem Freund helfen und jedem Feind entgegentreten“, um deren Freiheit und deren Bestand zu sichern. Das war Pathos. Aber dies war das Pathos der Solidarität. Kennedy hat den US-Führungsanspruch eingebettet in Bündnisse und multilaterale Institutionen. Trump will seinen Führungsanspruch verstärken, indem er diese Bündnisse und Institutionen verlässt und auf die Territorien anderer Staaten zugreift, die er den USA einverleiben will. Es ist das Pathos der Brutalität.

Wie Kennedy und King Amerika verändert haben

Solche Brutalität beherrscht nicht nur die Außenpolitik, sondern auch die Innenpolitik Trumps, wie sich beim Einsatz der ICE-Einheiten, also der US-Einwanderungspolizei, zeigt. Das Trump-Amerika ist nicht mehr das Land, das Kennedy in seiner Rede angesprochen und das Martin Luther King zweieinhalb Jahre später in seiner großen und großartigen Rede „I have a dream“ beschworen hat.

Es wurde zur Bewährungsprobe für ihn und seine Politik, ob sein Traum dem Albtraum des Vietnamkriegs standhielt, ob also sein Traum von einem diskriminierungsfreien Amerika eine Perspektive war oder ein Programm zum Einlullen. Der schärfste Angriff gegen Martin Luther Kings Strategie der Gewaltlosigkeit kam nicht aus der weißen Mehrheitsgesellschaft, sondern aus der Bewegung selbst. Aufgeschreckt durch massive Kritik aus den eigenen Reihen, verstand King, dass er nicht mehr zum Krieg schweigen und ihn ausblenden durfte, wie er es zunächst getan hatte. Er hatte diesen Streit gemieden, weil er befürchtet hatte, dass Spendengelder ausbleiben könnten. Er wollte den Weg zur Partizipation der Schwarzen am amerikanischen Traum nicht verbauen. Aber das funktionierte nicht; er verstand, dass er den Traum selbst diskreditierte, und machte eine Kehrtwende.

Martin Luther King argumentierte allerdings nicht mit allgemeinen moralischen Maximen der Gewaltlosigkeit gegen den Krieg, er packte es geschickter an; er appellierte an die „Seele Amerikas“. Seine bekannteste Antikriegsrede „Beyond Vietnam“ aus dem Jahr 1967 beginnt so: „Mein Gewissen lässt mir keine andere Wahl“ – obwohl kein Mensch gern die Aufgabe auf sich nehme, gegen die Regierungspolitik zu opponieren, zumal in Kriegszeiten.

Und dann legt er los und beschreibt in heiligem Zorn „die grausame Ironie, schwarze und weiße Jungen auf der Fernsehmattscheibe zu sehen, wie sie zusammen töten und sterben für eine Nation, die unfähig gewesen ist, sie nebeneinanderzusetzen in denselben Schulen. Und so sehen wir ihnen zu, wie sie in brutaler Solidarität Hütten eines armen Dorfes niederbrennen, aber wir realisieren, dass sie in Chicago kaum in einem Viertel wohnen würden. Ich kann nicht still sein angesichts so einer grausamen Manipulation der Armen.“ Dann macht er schonungslos weiter und benennt eines nach dem anderen die grauenhaften und systematischen Kriegsverbrechen der USA, um dann auszurufen: „Wir müssen für sie sprechen und die Fragen aufwerfen, die sie nicht aufwerfen können. Auch sie sind unsere Brüder.“

Die Maske Trumps und die Gesichter der USA

I have a dream: Martin Luther King hat diesen Traum realisiert. Er blieb gewaltlos, bis die Gewalt eines Attentäters seinem Leben ein Ende setzte. Martin Luther King wurde erschossen; John F. Kennedy wurde erschossen. Aber ihre Ideen und Ideale wurden nicht erschossen. Diese Ideen und Ideale haben die US-Gesellschaft verändert, sie haben Teile der US-Gesellschaft geprägt. Wenn heute von einem tief gespaltenen Amerika gesprochen wird, dann hat das damit zu tun.

Es gibt nicht nur das Trump-Amerika, es gibt auch das John-F.-Kennedy-Amerika und das Martin-Luther-King-Amerika. Das Kennedy- und das King-Amerika zeigen sich in den Großdemonstrationen in Minneapolis gegen die Brutalität der Einwanderungspolizei, die soeben die wehr- und arglose Dichterin und Familienmutter Renee Good erschossen hat; Tausende Menschen versammeln sich regelmäßig in der Innenstadt, es kommt zu Konfrontationen mit Bundesbeamten, inklusive Tränengas, Pfefferspray und Festnahmen; Protestierende trommeln vor Hotels, in denen ICE-Beamte untergebracht sind.

Die Stimmung ist angespannt. Die lokalen Proteste haben sich landesweit ausgebreitet, es wurden mehr als tausend Protestaktionen organisiert, sie richten sich gegen die harte ICE-Praxis und die politische Linie dahinter. Es gibt Mahnwachen und Kunstaktionen an der Stelle, an der die 37-jährige Renee Good hinter dem Steuer ihres Autos vom ICE-Beamten Jonathan Ross erschossen wurde. Bundesstaatsanwälte sind zurückgetreten, weil die Trump-Politik die Ermittlungen gegen den Todesschützen behindert und blockiert.

Das Gesicht des Donald Trump sieht man in den hiesigen Medien unentwegt und überall, die Gesichter des Protests gegen ihn und seine Politik sieht man viel zu wenig. Diese Gesichter machen Hoffnung auf das andere Amerika, sie machen Hoffnung darauf, dass die Politik John F. Kennedys und Martin Luther Kings, an die die Gedenktage heute und morgen erinnern, nicht Vergangenheit bleiben, sondern wieder Gegenwart und Zukunft werden. 


 

Newsletter-Teaser