Wo sind in den Stürmen, Beben und Feuern unserer Zeit die leisen Wahrheiten? Um sie finden zu können, tut es not, still zu werden.
Die Stille am Grab ist eine andere als die nach dem Feuerwerk. Die Stille auf den Fluren eines Altenheims ist eine andere als die in einer Kirche. Die Stille, in der man das Gras wachsen hört, ist eine andere als die nach einer Stunde Kraftsport. Die Stille bei einer Klausuraufsicht ist eine andere als die beim Aufstieg auf den Berggipfel. Die Stille im Bunker von Odessa, in dem die Menschen auf den nächsten Raketeneinschlag warten, ist eine andere als die am Bettchen des schlafenden Kindes. Es gibt eine tödliche Stille und eine schöpferische; es gibt eine lähmende, eine bedrohliche, eine unerträgliche Stille, die Stille vor einem Gewitter zum Beispiel, die sich dann mit Blitz und Donner entlädt. Und es gibt eine beruhigende Stille, in der man seinen eigenen Atem und seine innere Stimme hört, bestärkend und verbindend. Es gibt eine Musik der Stille: den rauschenden Regen, den heulenden Wind, den Schlag einer Turmuhr.
Im Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ werden die vielen Erscheinungsformen von Schnee beschrieben und die vielfältigen Bezeichnungen eingeführt, die die Inuit, die Menschen in Grönland, dafür haben. Da ist Qanik, der feinkörnige Pulverschnee. Da sind die frischen, flockigen Flocken, da sind die Eisbuckel, da sind die Schneefahnen und da ist der Schnee, die der Wind zu Mauern getürmt und zusammengedrückt hat. „Der Schnee schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost.“ Mit diesen Worten beginnt der Roman des dänischen Schriftstellers Peter Høeg. Es wird gesagt, dass die Inuit hundert und noch mehr Wörter für Schnee haben. Mit der Stille ist es, nicht nur an Weihnachten, so ähnlich: Es gibt so ungeheuer viele Arten und Formen von Stille, noch viel, viel mehr, als es Arten von Schnee gibt.
„Eine Seele ohne Stille ist wie eine Stadt ohne Schutz.“
Der Dirigent Claudio Abbado hat einmal gesagt, die Stille nach einem Konzert sei eine andere als die vor einem Konzert; er habe es nicht gern, wenn sofort applaudiert wird. Warum? Vielleicht deshalb, weil der schnelle Applaus die Erregung und die Ergriffenheit zerklatscht. Ist aber bloße Geräuschlosigkeit Stille? Ist Schweigen Stille? Es gibt das Einverständnis-Schweigen, das „Wir-müssen-nicht-dauernd-reden“-Schweigen, es gibt ein Wohlgefühl im Da-sein und im Still-sein. Es gibt das beredte Schweigen, das Schweigen, das mehr sagt als tausend Worte und das Zustimmung, Ablehnung, Verlegenheit oder Scham ausdrücken kann. Es gibt auch das poltrige und verbissene Schweigen, es gibt die Sprachlosigkeit, es gibt das ätzende Schweigen nach dem Streit unterm Christbaum, es gibt das kampfbereite und zersetzende Schweigen, das Schweigen nach verbalen Angriffen, das Schweigen, wenn jemand mundtot gemacht wird.
Das aggressive Schweigen ist keine Stille. Vielleicht kommt die Stille, wenn die Nerven sich wieder beruhigen, wenn etwas Trauriges und Ohnmächtiges wächst, ein Gefühl, mit dem manchmal eine achselzuckende Art von Gelassenheit einhergeht. Dann kann die Stille der Friedensschluss sein mit dem, was gerade ist – und zugleich ein Kraftschöpfen, um wieder an die Möglichkeit der Veränderung zu glauben.
Von Therese von Lisieux stammt der Satz: „Eine Seele ohne Stille ist wie eine Stadt ohne Schutz.“ Stille ist also kein physikalischer oder physischer Zustand, sondern vor allem ein psychischer. Stille ist innere Ruhe, sie ist ein seelischer Vorgang. Kreativität braucht diese Stille. Sie bewegt sich weg von dem „rasenden Stillstand“, den der französische Philosoph Paul Virilio als das Endstadium der Geschichte der Beschleunigung beschrieben hat. Er meinte damit eine Gesellschaft, die den Verkehr und die Finanzströme in Echtzeit beschleunigt, aber trotzdem nicht vom Fleck kommt – nicht politisch, nicht gesellschaftlich, nicht sozial. Der rasende Stillstand beschreibt auch eine Gesellschaft, in der die Kommunikation durch Live-Ticker und andere Echtzeitmedien perfektioniert worden ist, in der aber die Menschen das Kommunizieren miteinander verlernt haben. In dieser Gesellschaft sind Neuigkeiten auf unzähligen Kanälen verfügbar; aber die Flut von Information hat zur Blindheit für das Wesentliche geführt.
Und dann gibt es da diese Szene, die Weihnachten pur ist. Gott zeigt sich dem Elias
Weihnachten ist die Suche nach der Stille, die Kraft hat und die Kraft gibt. Diese Stille ist das Wesen der Spiritualität – also eine Kraft des Geistes, eine Wirklichkeit jenseits des Materiellen, die auch dem guttut, der das Wort Spiritualität nicht kennt. Nicht zufällig gehören zu den bekanntesten Weihnachtsliedern das von der stillen, heiligen Nacht und das vom leise rieselnden Schnee. Meine weihnachtliche Suche nach Stille führt 2025 aber weg vom Idyll mit holden Knaben und stillen Seen. Sie führt hin zu einer Geschichte ohne Kind und Krippe, ohne Hirten und Engel.
Sie handelt von einem abgekämpften Gotteskrieger mit Blut an den Händen. Sie steht im Alten Testament, und ihr Held heißt Elias, der als Prophet gilt. Er habe Hunderte Götzendiener mit dem Schwert getötet, wird erzählt: für Gott, für die höhere Sache, für Wahrheit und Gerechtigkeit, natürlich. Dieser Elias steht nach seiner Gewaltorgie aber nicht als Held auf dem Sockel. Er geht kaputt an seinem Wahn. Er ist ein Krieger, der stöhnt: „Es ist genug.“ Man begegnet einer gebrochenen Existenz, des Mordens müde und des eigenen Lebens überdrüssig, an allem zweifelnd und an sich selbst verzweifelnd. Und dann gibt es da diese Szene, die Weihnachten pur ist. Gott zeigt sich dem Elias: Es kommt ein brausender Sturm, aber darin ist er nicht. Es kommt ein gewaltiges Beben, aber darin ist er auch nicht. Es kommt ein verzehrendes Feuer, aber auch darin ist er nicht. Aber nach dem Feuer kommt eine „Stimme verschwebenden Schweigens“, so hat Martin Buber genial übersetzt. Und darin ist Gott. Darin ist Wahrheit. Darin ist Kraft – in der Stimme verschwebenden Schweigens. Das ist Elias’ Erkenntnis.
Und hieraus ergeben sich die echten Weihnachtsfragen: Wo sind in den Stürmen, Beben und Feuern unserer Zeit die Stimmen verschwebenden Schweigens? Wo sind die leisen Wahrheiten? Um sie finden zu können, tut es not, selbst still zu werden, wenigstens manchmal. Das ist ganz leicht und das ist zugleich ganz schön schwer.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 23.12.2025 in der Süddeutschen Zeitung.