Deutschland ist seit jeher zerrissen zwischen der Verbundenheit mit den USA und mit Europa. Doch nun hat der amerikanische Präsident die Scheidungspapiere eingereicht. Es ist zu tun, was Merkel im Jahr 2018 verlangte, aber nicht tat.

„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, so beklagt Faust in der Tragödie erster Teil, Vers 1112, seine innere Zerrissenheit. In der Alltagssprache wurde aus den „zwei Seelen“ nach und nach das Bild von den „zwei Herzen“. Die Bedeutung ist dieselbe geblieben: Man beschreibt so einen Zwiespalt, man bringt damit zum Ausdruck, dass jemand zwei widerstreitende Neigungen oder Loyalitäten hat.

In der bundesdeutschen Politik zeigt sich dieser Widerstreit seit Konrad Adenauer, in dessen Brust ein Herz für die Vereinigten Staaten und ein weiteres Herz für Europa schlug. Das eine Herz war das atlantische; das andere war das gaullistische. „Gaullistisch“ hieß es deswegen, weil es sich den Positionen des französischen Präsidenten und Generals Charles de Gaulle nahe fühlte, der für ein eigenständiges und unabhängiges Europa stritt, das weniger von den USA dominiert wird. In diesem Zwiespalt musste seit Adenauer jeder deutsche Kanzler seine Position finden.

Konrad Adenauer versuchte beiden Verbundenheiten einigermaßen virtuos gerecht zu werden

Es muss nicht unbedingt sein, dass man sich, wie Faust, zwischen den zwei Seelen oder Herzen einfach nicht entscheiden kann. Es kann auch so sein, dass man sich zwischen ihnen nicht entscheiden will und deswegen versucht, beiden Verbundenheiten einigermaßen virtuos gerecht zu werden. Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, hat das sein Kanzlerleben lang versucht. Er setzte in den Prioritäten seiner Politik einmal mehr auf die USA, einmal mehr auf Frankreich und Europa. Die Diskrepanz zwischen diesen wechselnden Prioritäten wurde verdeckt vom mehrdeutigen Wort von der Westbindung und vom Antikommunismus, der die Gegensätzlichkeiten überwölbte.

Konrad Adenauers Außenminister trug denselben Namen wie ein späterer SPD-Kanzler, nämlich Gerhard Schröder – und dieser CDU-Minister war ein eingefleischter Atlantiker. Der US-orientierte Schröder stand hinter Adenauer, als dieser im Januar 1963 im Elysée-Palast den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterschrieb und von Präsident de Gaulle an die Brust gezogen, geherzt und geküsst wurde. Der Elysée-Vertrag sah die gemeinsame Planung aller wichtigen Fragen der Außen-, Sicherheits- und Kulturpolitik vor. Außenminister Schröder (CDU), so beschrieb es damals der SZ-Chefkorrespondent Hans Ulrich Kempski, war während der ganzen Prozedur „mit der Miene eines unfreiwilligen Hochzeiters dabeigesessen“. Der französische Präsident sagte, sich ihm zuwendend, unter Anspielung auf dessen atlantische Grundhaltung: „Sie küsse ich nicht – noch nicht – doch die Gefühle sind die gleichen“. De Gaulle zwang dem Außenminister so eine geschmeichelte Heiterkeit ab.

Von den besonderen Beziehungen Deutschlands und Frankreichs zu den USA, zu Großbritannien und zur Nato stand im Elysée-Vertrag kein Wort. Präsident de Gaulle wollte das so, weil ihm an einer strategischen europäischen Autonomie gelegen war und er Großbritannien als das trojanische Pferd Washingtons betrachtete. Auf Druck der Amerikaner und auf Betreiben der deutschen Atlantiker stellte der Bundestag aber dann dem schon unterschriebenen Vertrag bei der Ratifizierung eine Präambel voran, die Frankreich und Deutschland zu enger Zusammenarbeit mit den Briten und Amerikanern aufforderte – zur Empörung de Gaulles. Golo Mann kommentierte, der Vertrag sei in dem Moment „nullifiziert“ worden, in dem er ratifiziert wurde.

Die Kontroverse zwischen Atlantikern und Gaullisten ist in einer Politik des Sowohl-als-auch aufgehoben worden

„Die Atlantiker-Gaullisten-Kontroverse wurde nie wirklich entschieden“, konstatiert der Politikwissenschaftler Torsten Oppelland, der eine Biografie über Adenauers US-orientierten Außenminister Schröder verfasst hat. Diese Kontroverse sei in einer deutschen Politik des Sowohl-als-auch aufgehoben worden – und kam „wann immer man in der Bundesrepublik mit dem Kurs der amerikanischen Politik unzufrieden war, wieder an die Oberfläche“. So war das etwa zur Zeit von Kanzler Gerhard Schröder (SPD), der im engen Schulterschluss mit dem damaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac den Irakkrieg ablehnte und die Idee eines multipolaren internationalen Systems ventilierte.

Aber grundsätzlich war und blieb es so, dass unter allen Kanzlern und der einen Kanzlerin die USA machtpolitisch wichtiger waren als der Europa-Motor Frankreich. Wobei es zu Angela Merkels Zeit schwere Irritationen gab unter Obama (wegen der Spionage-Affäre NSA) und unter Trump I (wegen dessen Zollpolitik) – ohne dass aber der Rückhalt durch die Nato grundsätzlich infrage gestellt wurde.

Trumps Ukraine-Friedensplan liest sich wie eine Scheidungsurkunde von Europa

Seit Trump II ist alles anders. Amerikas Interesse an einem starken transatlantischen Bündnis ist erloschen. Trumps Ukraine-Friedensplan liest sich wie eine Scheidungsurkunde. Es ist in verschärfter Weise eingetreten, was ein Gaullist wie Franz Josef Strauß in seinen „Erinnerungen“ befürchtete: Eine Relativierung der Schutzverpflichtungen der USA gegenüber Europa könne nicht ausgeschlossen werden. Strauß hatte schon 1966 (kräftig unterstützt von Karl Theodor zu Guttenberg senior, dem Großvater des späteren Bundesverteidigungsministers) „anstelle einer einseitigen Ausrichtung an den USA … eine eigene europäische Rüstungs- und Verteidigungspolitik“ gefordert.

Die neue US-Sicherheitsstrategie attackiert Europa und markiert die EU als ideologischen Gegner. Der amerikanische Präsident behandelt die Europäer so, wie seinerzeit de Gaulle es befürchtet hatte: als Vasallen. Die in Deutschland gewohnte Beschwörung einer „Werte-, Interessen- und Schicksalsgemeinschaft“ zwischen Europa und Amerika liest sich wie verblichene Propaganda oder ein Wunschzettel an den Weihnachtsmann. Früher von den Atlantikern als gaullistisch abgetane Positionen gelten jetzt auch bei diesen als vorausschauend: De Gaulle hatte recht.

„Europa muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen“, proklamierte Angela Merkel 2018, als sie die Laudatio auf den französischen Präsidenten Emmanuel Macron bei der Verleihung des Aachener Karlspreises hielt. Europa hat es nicht getan; Merkel zauderte. Es gilt jetzt spät, vielleicht zu spät, zu beweisen, dass Europa noch eine politische Kapazität und in der Lage ist, für die historische und moralische Identität, die es vorgeblich repräsentiert (so der französische Philosoph Étienne Balibar), einen wirksamen politischen Ausdruck zu finden. Wenn Europa Glück hat, sind die Berliner Ukraine-Gespräche der überfällige Anfang vom Anfang.

Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 18.12.2025 in der Süddeutschen Zeitung.