Die Junge Gruppe in der Unionsfraktion fordert den Kanzler heraus. Aber eigentlich müssten sich Organisationen wie die Junge Union, aber auch Jusos und Grüne Jugend, um etwas ganz anderes kümmern.
Die Frage, welchen Einfluss die Jungen in der Politik haben, beantwortet seit Wochen jede Nachrichtensendung: Die „Junge Gruppe“ der Unionsfraktion im Bundestag treibt die schwarz-rote Koalition des Kanzlers Friedrich Merz vor sich her. Die Meldungen darüber machten Schlagzeilen, fast so groß wie die vom Ukraine-Krieg. Die Junge Gruppe trieb dieses Treiben bis an den Rand des Koalitionsbruchs. So etwas gab es in dieser Form in der bundesdeutschen Politik noch nie. Es ist dies ein neuer aufsehenerregender Ausdruck der zunehmenden politischen Fragmentierung.
Dabei ist diese Junge Gruppe nicht einmal eine eigenständige Parteiorganisation der CDU/CSU wie die Junge Union; sie ist auch kein Parteiflügel, sondern lediglich eine informelle Interessengruppe, ein loser Zusammenschluss von 18 jungen Mandatsträgern der Union, die bei der letzten Bundestagswahl jünger als 35 Jahre alt waren. Ihre aktuelle Macht rührte und rührt daher, dass ohne diese 18 Stimmen die Koalition keine eigene Mehrheit für das Rentenpaket hat. Die Junge Gruppe hat diese ihre Vetoposition zum Vorteil für sich und zum Wohl für die Junge Union genutzt, indem sie sich zum „lauten Sprachrohr“ der JU erklärte und dieser damit eine ungewohnte politische Potenz und eine spektakuläre öffentliche Wirksamkeit gab.
Vom Machtschattengewächs zum Machtfaktor
Aus einem bisher brav-biederen Karrierenetzwerk, einem Machtschattengewächs, wurde ein Machtfaktor, der es sich auf seinem „Deutschlandtag“ leisten konnte, Friedrich Merz in die Schranken zu weisen; vor einem Jahr hatte die Junge Union ihm noch wie einem Popstar gehuldigt. Aus einer politischen Jugendorganisation, die den Ruf hatte, den Kontakt zur Jugend verloren zu haben, wurde eine, die den Eindruck machte, sich für deren Interessen besonders ins Zeug zu legen.
Die temporäre Verwandlung der Jungen Union bietet nun die Gelegenheit, die zwei Grundtypen der parteipolitisch organisierten Jugend zu beschreiben: Grundtypus eins ist die Nachwuchsorganisation als Karrierekatalysator. Grundtypus zwei ist die Parteijugendorganisation als programmatische Speerspitze einer Partei.
Den Grundtypus eins, den der Kaderschmiede, des Rekrutierungspools für Ämter und Mandate, verkörperte die Junge Union seit ihrer Gründung als gemeinsame Jugendarbeitsgemeinschaft der CDU und der CSU im Jahr 1947. Der Jungunionist begann als Schulsprecher, wurde JU-Kreisvorsitzender, in der Folge Mitarbeiter eines Unionsabgeordneten; sodann eröffnete sich womöglich der Einstieg in die Berufspolitik, also in das Leben nicht nur mit, sondern von der Politik. Einen ganz typischen JU-Werdegang haben heutige Spitzenpolitiker wie Jens Spahn, Markus Söder und Hendrik Wüst hinter sich, ebenso die früheren Ministerpräsidenten Roland Koch, Peter Müller und Christian Wulff.
Die schwere Aufgabe der jungen Grünen
Grundtypus zwei ist die Parteijugendorganisation als Ideologiewerkstatt – stürmisch, rebellisch, kompromisslos; dort finden sich die extremen Positionen der Mutterpartei in Reinform. Diesen Typus verkörpern die Jusos, also die Jungsozialisten, als die erste Parteijugendorganisation, die nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 wiedergegründet wurde – auch wenn es durchaus so ist, dass man, wie die früheren Juso-Vorsitzenden Gerhard Schröder und Andrea Nahles zeigen, auch als Juso einen Karriereschub mitnehmen kann. Der letzte Großideologe als Juso-Chef war Kevin Kühnert, der 2019 (in einem Zeit-Interview zum Thema „Was heißt Sozialismus für Sie?“) die Republik mit einer Forderung nach Vergemeinschaftung des BMW-Konzerns aufscheuchte und damit eine polemische, hitzige und fruchtbar-ernste Debatte über die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, über Vergesellschaftung und auch darüber auslöste, wie ein soziales und ökologisches Wirtschaften in Zukunft aussehen könnte.
In der Praxis existieren Mischformen. Wie immer das aktuelle Mischungsverhältnis der Grundtypen eins und zwei aussieht: Wenn es um die Programmatik geht, sind die Jugendorganisationen dezidierter, als es ihre Mutterparteien derzeit sind. Die Junge Union ist entschiedener konservativ als CDU und CSU. Die Jusos sind sozialistischer als die Sozialdemokraten der SPD. Die Jungen Grünen sind in Klima- und Umweltfragen fundamentaler als die Grünen und in der Asylpolitik humaner als ihre Partei; sie wollen auch mehr „Klassenkampf“ und bewogen ihren Bundesvorsitzenden Felix Banaszak soeben zum Bekenntnis „Links ist für mich kein Schimpfwort, sondern ein Auftrag“.
Die Jungen Grünen wollen so verhindern, dass ihre Altersgenossen zur Linksjugend abwandern und gar links wählen, wie sie es bei der vergangenen Bundestagswahl 2025 in großer Zahl getan haben: Bei den 18- bis 29-Jährigen lag die Linke mit gut 25 Prozent auf Platz eins, die AfD mit 21 Prozent auf Platz zwei. Die Union und die SPD lagen bei elf bis13 Prozent, die Grünen und FDP noch darunter, schnitten also bei den Jungen noch schlechter ab als bei der Gesamtwählerschaft. Die Julis, die Jungliberalen, wollen Stachel sein im Fleisch der FDP, aber von diesem Fleisch ist nicht viel zu sehen und vom Stachel nichts zu spüren.
Die „Generation Deutschland“ der AfD zielt auf die Schulen
Viel zu sehen und viel zu spüren – zumal an den Schulen – ist aber von der AfD, die soeben einen neuen Jugendverband, die „Generation Deutschland“, gegründet hat. Das Ziel: die Jugend, die an Schulen vor allem, an sich zu binden. Ihren alten, neonazistisch durchseuchten Jugendverband hat die Partei aufgelöst, um dessen Verbot zu entgehen. Der neue Verband stellte sich freilich soeben bei seiner Gründung in Gießen so extremistisch dar wie der alte: Es gab Beifallsstürme bei der Forderung nach „millionenfacher Remigration“ und bei „abschieben, abschieben, abschieben, bis Deutschland wieder Heimat wird“. Vorsitzender des Verbands ist ein Landtagsabgeordneter, den der Verfassungsschutz als rechtsextrem einstuft. Der neue AfD-Jugendverband ist noch völkischer und rassistischer als die AfD.
Sie ist der gemeinsame Gegner von Junger Union, Jusos, Grüner Jugend, Linksjugend und Jungliberalen. Es geht um die Hoheit auf den Schulhöfen. Die ist noch viel wichtiger als eine neue Rentenformel. Es geht um die Anziehungskraft, den Sex-Appeal, um den Charme und die Magie der Demokratie. Es geht um alles.
Hinweis: Diese Kolumne erschien zuerst am 04.12.2025 in der Süddeutschen Zeitung.