Der Historiker Norbert Frei kann etwas, was nicht jeder Historiker kann: Er kann gut schreiben. Seine Biografie über Konrad Adenauer ist ein Geschenk – ein Geschenk zum 5. Januar, zum 150. Geburtstag des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Es ist eine von drei Lebensbeschreibungen, die aus diesem Anlass erschienen sind. Sie hat essayistischen Charakter. Frei ist darin kein Schmeichler, er ist darin auch kein Kritikaster.

Er kennt natürlich, als Professor Emeritus der Neueren und Neuesten Geschichte, die beißende Kritik, die viele Intellektuelle seinerzeit an Adenauer übten. Heinrich Böll und viele andere haben Gift und Galle gespuckt. Er war für sie der Inbegriff einer miefigen und bigotten Nachkriegsgesellschaft.

Sie erkannten nicht, wie Adenauers Politik das Land stabilisierte und mit der Demokratie versöhnte, die den Bundesrepublikanern bis weit in die Fünfzigerjahre hinein suspekt war. Die große Rentenreform 1957 beispielsweise, mit der die dynamische Rente eingeführt wurde, war weit mehr als ein geniales Wahlgeschenk. Sie war ein Umverteilungsprojekt, geformt aus sozial-katholischem Geist, bezahlt vom neuen Wohlstand. Vor allem aber war Adenauer, was Frei fein herausarbeitet, ein weitblickender Europäer. Seinen Weitblick wünscht man der Politik von heute.

Die Biografie von Norbert Frei illustriert den bitteren Satz Heinrich Bölls, den dieser Jahre nach Adenauers Tod einlenkend geschrieben hat: „Adenauer mag mehr Verdienste haben (…), als ich zu erkennen imstande bin.“ Frei erkennt sie, er kennt aber auch Adenauers Fehler und Schwächen.

Norbert Frei: Konrad Adenauer. Kanzler nach der Katastrophe. Biografie. Das Buch ist im Dezember 2025 bei C.H. Beck erschienen. Es hat 317 Seiten und kostet 29, 90 Euro.