Vor sechzig Jahren endete das Zweite Vatikanische Konzil. Es ist höchste Zeit für ein drittes Vatikanum.

Von Heribert Prant

„Il Papa buono“ nannte man ihn in Italien. Papst Johannes XXIII. war also „der gute Papst“. Die Bescheidenheit und Volksnähe des Mannes, der als Sohn eines Kleinbauern am Rande der Alpen zusammen mit zwölf Geschwistern aufgewachsen war, wurden seinerzeit gerühmt. Berühmt geworden und geblieben ist Johannes XXIII. als „Konzilspapst“, als der Papst, der 1962 das Zweite Vatikanische Konzil einberief, der also die zweieinhalbtausend Bischöfe der römisch-katholischen Kirche zu dreijährigen Beratungen nach Rom holte. Dieses Konzil, das nach dem Tod von Johannes XXIII. von Paul VI. fortgeführt wurde, endete vor genau sechzig Jahren, am 8. Dezember 1965. Es sollte, so sagte es der Konzilsberater Karl Rahner, der „Anfang eines Anfangs“ sein. Aber: Dieser Anfang ist im Anfang stecken geblieben. Nach sechzig Jahren ist Zeit für ein globales Update.

Was wurde aus dem damaligen Traum von der Erneuerung? Johannes XXIII., der vor seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt Patriarch von Venedig gewesen war, nutzte das italienische Wort „Aggiornamento“ als Leitmotiv für das Weltkirchentreffen; Aggiornamento bedeutet so viel wie Aktualisierung, Modernisierung, so viel wie „ein auf den neuesten Stand bringen“. Heute sagt man dazu Update. Sechzig Jahre nach dem letzten Update ist Zeit für ein drittes vatikanisches Konzil. Es könnte, es sollte, es müsste mehr als fünfhundert Jahre nach der Reformation die Frage klären, ob und wie die Kirchenspaltung beendet werden kann. Und es könnte, sollte und müsste all die Fragen klären, die im Zweiten Vatikanum vor sechs Jahrzehnten „aus Zeitnot“, wie es damals hieß, nicht mehr geklärt wurden: die Haltung der katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung. Die Frage, ob der verpflichtende Zölibat aufgegeben werden soll, also die unabdingbare Ehelosigkeit der Priester. Und es sollte um die Gleichberechtigung der Frau in der Kirche gehen; bisher sind Frauen von allen Weiheämtern ausgeschlossen; bisher wird die männliche Dominanz in der katholischen Kirche theologisch gerechtfertigt. Und geklärt werden müssen Fragen zur Sexualmoral.

Die Teenager des Konzils

Zu den Beratern des Konzils gehörten der damals junge Joseph Ratzinger und der damals ebenfalls ganz junge Hans Küng. „Teenager des Konzils“ nannte man sie. Beide waren kluge Köpfe, beide waren liberal und haben sich dann ganz unterschiedlich entwickelt. Küng blieb der progressive Theologe, Ratzinger wurde zum orthodoxen Theologen; er stieg in der Kirche auf, maßregelte seinen Weggefährten Küng, wurde zum Antimodernisten mit gewissen Sympathien für die sogenannten integralistischen Gruppierungen; das sind Strömungen, die eine vollständige Integration des katholischen Glaubens in alle Bereiche des öffentlichen Lebens fordern, die Trennung von Kirche und Staat ablehnen und eine traditionalistische Haltung einnehmen, wie etwa das „Opus Dei“. Mitglieder solcher Bewegungen haben in den Kirchen Lateinamerikas und Afrikas befreiungstheologische Aufbrüche konterkariert.

Freude, Hoffnung, Aufbruchsstimmung – und jetzt?

Das Zweite Vatikanische Konzil war, so beschreibt es der Wiener Philosoph und Theologe Hans Schelkshorn, „ein kirchlicher Diskurs über die Moderne“, es war der Versuch einer Öffnung der Kirche in die Welt hinein. Bis dahin waren Kirche und Welt als rivalisierende Einflusssphären gedacht, und die Welt war entweder ein Objekt der Missionierung oder der Verurteilung, wie das der Theologe Konrad Hilpert analysiert. „Die Zeichen der Zeit erkennen“, das trieb Johannes XXIII. um, als er das Konzil einberief. Das sollte etwas anderes sein, als sich dem Zeitgeist anzupassen – was Kritiker dann dem Konzil vorwarfen. Zwölf Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen wurden vom Konzil beschlossen, darunter die sogenannte Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ über das Verhältnis der Kirche zur Welt, benannt nach den Anfangsworten – „Freude und Hoffnung“. Sie löste eine Aufbruchsstimmung aus, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.

Spektakulär war eine weitere Erklärung, die „Nostra aetate“ überschrieben war, also „In unserer Zeit“; sie war, sie ist das erste offizielle Dokument der römisch-katholischen Kirche, in dem die anderen Religionen anerkannt werden. Es betont das Verbindende des Katholizismus mit den anderen Religionen; die katholische Kirche, so heißt es dort, lehnt nichts ab von dem, was in diesen Religionen „wahr und heilig“ sei. Das Kapitel über das Judentum ist das umfangreichste dieser Erklärung und es enthält eine unmissverständliche Absage an den bis dahin traditionellen katholischen Antisemitismus: Die katholische Kirche verurteilte den Antisemitismus, verband ihn mit einem Schuldeingeständnis der Kirche als Mitverursacherin und betonte die Notwendigkeit, dass die Kirche niemals die Wurzeln ihres Glaubens im Judentum vergessen dürfe.

Mit dem Rücken zum Volk

Am augenfälligsten waren die vom Zweiten Vatikanum eingeleitete Liturgiereformen. Die Gottesdienste werden seitdem nicht mehr auf Lateinisch, sondern in der jeweiligen Landessprache gefeiert, und sie sind nicht mehr geprägt durch zahlreiche leise Privatgebete des Priesters vor passiven Beterinnen und Betern. Die vom Konzil neu gefasste Liturgie bezieht die Gläubigen mit ein. Neue, frei stehende Altäre wurden eingeführt und vor die alten Hochaltäre gestellt. Vor diesen Volksaltären steht der Priester nicht mehr mit dem Rücken zum Volk, sondern ihm zugewandt. Es soll so gezeigt werden, dass sich Priester und Gemeinde gemeinsam zum Gottesdienst versammeln. Die Traditionalisten in der katholischen Kirche (wie zum Beispiel die der Münchner Innenstadtkirche St. Peter) feiern mit einer Sonderregelung den Gottesdienst noch in der alten Form und auf Latein.

Die Fehler im System

Aus vorkonziliarer Zeit stammt der Titel „Hochwürden“ für Geistliche. Es war eine Zeit, in der die Würde des geistlichen Amtes den Herrn, der dieses Amt bekleidete, emporhob und schier unantastbar machte. Diese Zeit ist vorbei. Spätestens seit den Missbrauchsskandalen ist es sogar umgekehrt. Die Unwürdigkeit der Person erfasst das Amt, die Frevelhaftigkeit und Gewalttätigkeit einzelner Amtsträger entehren die katholische Kirche. Und so sind zahllose untadelige und hochengagierte Seelsorger und Jugenderzieher unter Generalverdacht geraten.

In der Mathematik gibt es das Rechnen in der Klammer: Entscheidend ist nicht, was in der Klammer geschieht, ob man also dort addiert, subtrahiert oder multipliziert. Entscheidend ist, welches Vorzeichen vor der Klammer steht, ob es sich um ein Plus oder ein Minus handelt. Der ganze Wert verwandelt sich ins Gegenteil, wenn aus dem Plus ein Minus wird. Das ist der katholischen Kirche passiert. Die nationalen und die globalen Missbrauchsskandale haben ein Grundvertrauen in die Kirche in ein Grundmisstrauen verwandelt.

Ein Konzil als Fegefeuer-Veranstaltung

Nicht nur eine Vielzahl von Einzelnen steht in der Kritik, sondern die Kirche als solche. Nicht nur eine Vielzahl von Priestern hat schwer gesündigt, sondern die Institution als solche hat sich vergangen – weil sie das Leid der Opfer zu lange verdrängt, weil sie erst geschwiegen und dann viel zu lang abgewimmelt hat. Die katholische Kirche ist in der Krise, auch deswegen, weil sie sich der Frage nach den Fehlern im System nicht konsequent genug gestellt hat.

Sich dieser Frage zu stellen – auch dafür ist ein Konzil da. Ein neues Konzil könnte eine Art Fegefeuer-Veranstaltung sein. Die katholische Kirche hat das Fegefeuer jahrhundertelang gepredigt. Jetzt braucht sie es selbst.


 

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