Guten Tag,

einer der ganz frühen Sätze, die ich über den Journalismus gehört habe, war ziemlich böse. „Journalisten sind“, so begann dieser Satz, „wie Schnittlauch. Sie schwimmen auf jeder Suppe.“ Ich habe mir diesen Satz bis heute gemerkt, zur Warnung und zur Abschreckung. Damals, es war Mitte der Siebzigerjahre, war ich Jurastudent und Stipendiat des IfP, des Instituts für Publizistischen Nachwuchs, also der katholischen Journalistenschule in München. Das erste Seminar im Rahmen dieser studienbegleitenden Ausbildung fand in Salzburg statt, im Gasthof Maria Plain. Einer der Referenten dort war der Medienwissenschaftler Heinz Pürer. Und der sagte in seinem Abendvortrag den genannten bösen Satz: „Journalisten sind wie Schnittlauch. Sie schwimmen auf jeder Suppe.“

Der Medienwissenschaftler Pürer war und ist nicht der einzige, der so pointiert böse formuliert. Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac hat das schon viel früher getan. In seinem Roman „Verlorene Illusionen“ lässt er den jungen Denker Michel Chrestien sagen, dass im Journalismus „Seele, Geist und Denken“ verschachert werden.

Verlorene Illusionen

Den Roman von Balzac habe ich erst gelesen, als ich selber schon Journalist geworden war. Aber der Vortrag von Pürer hat mich immerhin so abgeschreckt, dass ich mich erst einmal auf mein Jurastudium konzentriert habe, Staatsanwalt und Richter geworden und eigentlich nur durch Zufall doch wieder beim Journalismus gelandet bin.

Vielleicht hatte ich den Medienwissenschaftler ja falsch verstanden. Vielleicht hatte er gar nicht den Ist-Zustand des Journalismus beschrieben, sondern nur die Gefahren, die ihm drohen: Aus einem Journalisten kann ein PR-Mensch werden, der so schreibt, wie es der Auftraggeber will und wie es neue Aufträge bringt. Ich will die PR-Leute nicht diskreditieren. Aber: PR und Journalismus, das sind zwei verschiedene Welten.

Souverän und integer

Ich erinnere mich heute an den Schnittlauch-Satz, weil am 3. Mai, also an diesem Sonntag, der internationale Tag der Pressefreiheit begangen wird – und weil ich in mehr als dreißig Jahren Journalismus zwar ein paar Journalisten erlebt habe, wie Heinz Pürer sie vor Jahrzenten beschrieben hat. Aber es waren nicht sehr viele. Die meisten Kolleginnen und Kollegen, die ich erlebt habe, waren ganz anders, gar nicht schnittlauchartig. Ich habe wunderbare Kolleginnen und Kollegen erlebt, viele davon in Lokal- und Regionalredaktionen: neugierig, bissig, aufklärerisch, souverän und integer.

Kein Paradies ohne Schlangen

Vielleicht lag das auch daran, dass zumindest die erste Hälfte meines journalistischen Lebens eine für die Medien auch wirtschaftlich glänzende, eine anzeigenstarke, paradiesische Zeit war. Aber es gibt kein Paradies ohne Schlangen. Journalismus verlangt, sich von den Schlangen nicht verführen zu lassen, ihnen zu widerstehen, wie immer sie auch heißen mögen. In Verlagen und Redaktionen können sie Spardruck heißen, Entlassungen, Auflösung von Redaktionen, Outsourcing von journalistischer Arbeit.

Aus Notmaßnahmen darf nicht maßlose Not werden

Der Tag der Pressefreiheit: Die Pressefreiheit heißt Pressefreiheit, weil die Presse die Freiheit verteidigen soll. Es gilt heute, die Freiheit gegen das Coronavirus zu verteidigen.

Die Verteidigung besteht darin, die Grundrechte zu schützen – zu schützen davor, dass das Virus und die Maßnahmen gegen das Virus von den Grundrechten nur noch die Hülle übriglassen. Pressefreiheit ist dafür da, die Bewegungsfreiheit, die Reisefreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Gewerbefreiheit zu verteidigen. Eine Demokratie kann an Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten sterben, so notwendig sie kurzzeitig sein mögen. Es muss daher immer und immer wieder gesagt werden, dass aus Notmaßnahmen nicht maßlose Not werden darf.

Es ist Aufgabe der Presse, unverhältnismäßige Grundrechtseingriffe anzuprangern und nicht als Beitrag zur Volksgesundheit schönzureden. Die Presse soll nicht soziale Distanz herstellen, sondern soziale Distanz überwinden. Die Presse ist nicht der Lautsprecher der Virologie, sondern der Lautsprecher der Demokratie. Die Presse ist nicht dafür da, den Menschen den Mund zuzubinden. Sie ist dafür da, die Menschen ins Gespräch zu bringen. Daran soll der Tag der Pressefreiheit erinnern.

Ein Leuchtturm-Grundrecht

Es gibt Länder, in denen ist die Pressefreiheit oft nur zwei mal drei Meter groß, so klein wie eine Gefängniszelle. Immer unverhohlener versuchen Diktaturen, autoritäre und populistische Regime, unabhängige Informationen um jeden Preis zu unterdrücken. Zu den wichtigsten Beispielen für diesen Entwicklungstrend gehören China, Saudi-Arabien und Ägypten – die drei Staaten, in denen weltweit die meisten Medienschaffenden wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen.

Dort, in diesen Ländern, kämpfen Journalistinnen und Journalisten dafür, dass das eigentlich Selbstverständliche selbstverständlich wird – dass sie einigermaßen frei arbeiten können. Dort wissen die Menschen, was diese Pressefreiheit wert ist. Sie wissen es, wie es die ersten deutschen Demokraten gewusst haben, damals auf dem Hambacher Fest von 1832 und in der deutschen Revolution von 1848, als alle politischen Sehnsüchte in diesem einen Wort mündeten: Pressefreiheit. Der Kampf gegen die Zensur war damals ein Kampf gegen die alte, repressive Ordnung. Und Pressefreiheit war für Leute wie Johann Georg August Wirth und Ludwig Börne so etwas wie ein Ur-Grundrecht und ein Universalrezept zur Gestaltung der Zukunft.

Das ist nicht nur Geschichte. Die Pressefreiheit war und ist und bleibt ein Leuchtturm-Grundrecht. Es gibt viele Länder, die diesen Leuchtturm ganz abgeschaltet haben. Es gibt Länder, in denen Journalisten damit rechnen müssen, dass die Geheimpolizei bei ihnen klopft oder gleich die Tür eintritt.

Aufdeckungskompetenz, Aufdeckungsmacht

In Ländern wie Deutschland mag einem heute die Pressefreiheit selbstverständlich vorkommen. Aber das Selbstverständliche ist nicht selbstverständlich; Pressefreiheit gedeiht nicht von selbst. Sie muss geachtet, und gefördert werden, sie braucht Rahmenbedingungen, in denen sie sich entwickeln kann. Dann ist sie ein ungeheurer Gewinn für die Demokratie. In den Wochen und Monaten, in denen investigativer Journalismus in die dunklen Ecken unseres Gemeinwesens leuchtet, zeigen sich Aufklärungskompetenz und Aufdeckungsmacht der Presse in besonderer Weise.

Ich habe da in der Süddeutschen Zeitung akribische und unbestechliche Kollegen wie Michael Stiller und Hans Leyendecker erleben dürfen. Ihre Nachfolger sind die Kolleginnen und Kollegen von SZ und Spiegel, die vor einem Jahr die Ibiza-Affäre recherchiert und publiziert haben. Ihre Recherchen führten dazu, dass die österreichischen FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus ihre Rücktritte von allen politischen Ämtern und Parteifunktionen erklärten und Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz die Koalition seiner ÖVP mit der FPÖ kündigte.

Knapp ein Jahr danach wurden nun die Teams von SZ (Leila Al-Serori, Oliver Das Gupta, Peter Münch, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer) und Spiegel (Maik Baumgärtner, Vera Deleja-Hotko, Martin Knobbe, Walter Mayr, Alexandra Rojkov, Wolf Wiedmann-Schmidt) mit dem Henri-Nannen-Preis 2020 prämiert, einer der höchsten Auszeichnungen für Journalisten in Deutschland.

Pressefreiheit ist Voraussetzung dafür, dass Demokratie funktioniert

Es hat seinen Grund, warum es das Grundrecht der Pressefreiheit gibt: Pressefreiheit ist Voraussetzung dafür, dass Demokratie funktioniert. Daher noch einmal der Satz, der in Corona-Zeiten besonders wichtig ist: Die Presse ist nicht dafür da, den Menschen den Mund zuzubinden. Sie ist dafür da, die Menschen ins Gespräch zu bringen. Daran soll der Tag der Pressefreiheit erinnern.

Ich wünsche uns allen, dass es dem Virus nicht gelingt, die Freiheitsrechte dauerhaft zu beschädigen. Bleiben Sie gesund und demokratisch.

Ihr

Heribert Prantl

Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung


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