Er ist einer der wirkmächtigsten Philosophen und Soziologen der Gegenwart, er ist ein leidenschaftlicher Denker und Diskutant – er ist ein engagierter Bürger und Weltgeist. Am kommenden Dienstag begeht der Philosoph Jürgen Habermas, wohnhaft in Starnberg bei München, seinen 90. Geburtstag.

Von Heribert Prantl

Habermas ist ein demokratischer, ein grund- und menschenrechtsgeprägter Weltphilosoph, ein glühender Kämpfer für Europa und ein glänzender Publizist; auch in der Süddeutschen Zeitung ergreift er, seit über sechzig Jahren, immer wieder das Wort: geschliffen und prägnant. Das passt zu einem, bei dem die Sprache im Zentrum des wissenschaftlichen Werkes steht.

Ein Global Player

Habermas ist in Düsseldorf geboren, in Gummersbach aufgewachsen, hat in Göttingen, Zürich und Bonn studiert, war Forschungsassistent bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Frankfurt, habilitierte sich bei Wolfgang Abendroth in Marburg mit der bahnbrechenden Schrift zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, wurde 1964 Nachfolger Horkheimers auf dessen Lehrstuhl für Philosophie, wechselte 1971 nach Starnberg, wo er bis 1981 gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete. Er kehrte dann an die Uni Frankfurt zurück – und lehrte in aller Welt. Das sind die dürren äußeren Lebensdaten eines Gelehrten, der mit seinem philosophisch-politischen Denken, das auf Öffentlichkeit, Diskurs, Vernunft und Kant beruht, ein Global Player wurde.

Abgehoben? Nicht doch!

Zum Geburtstag habe ich Jürgen Habermas in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ – einer wunderbaren politischen Monatszeitschrift, deren Mitherausgeber Habermas seit 21 Jahren ist – einen Text gewidmet, den ich Ihnen hier in gestraffter Form nahebringen will. Mein Text will nicht zuletzt dem Urteil entgegentreten, die Diskurstheorie, die Habermas begründet hat, sei eine zu theoretische, eine zu abgehobene, gar eine zu verbissene Angelegenheit. Ihr Schöpfer ist es jedenfalls nicht.

Die Tonleiter des kommunikativen Handelns

Es ist allerdings wahr, dass in der Theorie des kommunikativen Handelns, die einen wichtigen Teil der wissenschaftlichen Arbeit von Habermas ausmacht, das Lachen keine Rolle spielt – obwohl man das Lachen nicht, wie das mit seinen philosophischen Werken geschehen ist, in vierzig Sprachen übersetzen müsste. Auf keine andere Weise funktioniert Verständigung so schnell, so gründlich und so voraussetzungslos wie auf diese Weise. Das Lachen ist ein Diskurs ganz eigener Art, es hat kommunikative Kraft und ansteckende Macht.

Lachen kann die Welt verändern

Die Rede ist hier nicht vom doofen Gekicher, auch nicht vom abfälligen Gegrinse und vom bösen Gelächter; das gehört zwar auch zum Stammbaum des Lachens, bildet aber eine Seitenlinie, ist eine Aberratio, eine Degeneration. Die Rede ist hier vom echten Lachen, vom großen befreienden Lachen, das manchmal mit einem Lächeln beginnt, das sich dann entfaltet und steigert, das den ganzen Menschen kitzelt und schüttelt und bisweilen erst nach einer Zeit der Seligkeit mit wohlig seufzender Mattigkeit endet. So ein Lachen verwandelt Förmlichkeit in Fröhlichkeit; es macht aus Menschen, die sich kaum oder gar nicht kannten, Freunde – manchmal für einen Abend, manchmal für Jahre.

So ein Lachen kann, für ein paar Stunden jedenfalls, die Welt verändern. So ein Lachen ist eine Tonleiter, auf der man vom eigenen Sockel heruntersteigt. Es macht aus einem Philosophen, es macht aus einem Präsidenten einen normalen Menschen. Es ist dies der schönste Beginn eines herrschaftsfreien Diskurses, Lachen macht die Menschen in diesem Augenblick zu Freien und Gleichen.

Der Witz des Denkers

Jürgen Habermas kennt das, er weiß das, er kann das. Er ist, ganz privat, ein grundfröhlicher Mensch. Vielleicht ist dies das Geheimnis, vielleicht aber auch das Ergebnis seines Erfolgs. Leserinnen und Leser seiner berühmten Habilitationsschrift über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ahnen kaum, dass dieser Mann auch laut sein und losprusten kann. Zu Habermas gehört in der alltäglich lebenden Praxis auch der Witz und eine furiose, manchmal auch alberne Ausgelassenheit.

Dazu eine kleine Anekdote: Es war im kleinen Kreis, im privaten Rahmen, an einem großen Tisch, ein gutes Jahrzehnt her. Da trafen zum ersten Mal in ihrem Leben Jürgen Habermas und Dieter Hildebrandt persönlich aufeinander – jeder ein Philosoph auf seine Weise. Der eine, Habermas, ein klassischer politischer Denker, weltweise, einer der den Dingen auf den tiefsten Grund zu gehen versucht. Der andere ein wunderbarer politischer Kabarettist, der in seiner stammelnden Art unnachahmlich bissig über diese Dinge nachdenkt. Beide hatten und haben sie die politischen Auseinandersetzungen und Diskussionen der Bundesrepublik auf jeweils ihre Weise begleitet, beide galten und gelten sie als eher links, beide waren sie engagiert in den großen Bewegungen und Debatten der alten und neuen Bundesrepublik, beginnend bei „Kampf dem Atomtod“ und den Ostermärschen bis hin zur Einschränkung des Asylgrundrechts.

Die EU, ein höherstufiges politisches Gemeinwesen

Beide haben in der Zeit der Studentenunruhen über Revolution und Scheinrevolution sinniert, beide haben sich von Gewalt abgegrenzt; beide haben die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zum Thema gemacht, haben über Adenauer räsoniert und über Merkel gelästert. Habermas tat das in vielen Essays und Schriften, in denen er das, was er in seinen großen Werken über Diskurs und Kommunikation lehrte, auf die aktuellen Debatten anwendete. Habermas wie Hildebrandt haben, auf ganz unterschiedliche Weise, Einfluss genommen auf die Debatten, die den Weg der Bundesrepublik nach Europa begleiteten – das für Habermas ein „höherstufiges politisches Gemeinwesen“ darstellt, das er für einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft hält.

Diese beiden älteren Herren – der größte deutsche Philosoph der eine, der größte deutsche Kabarettist der andere – saßen also bei einer kleinen privaten Einladung nebeneinander am großen Tisch, als die kleine Gesellschaft im Bücherregal, auf einem Radiogerät liegend, ein gelbes Plüschtier entdeckte, so fünfunddreißig Zentimeter lang, wie man es als Spielzeug auf italienischen Autobahntankstellen kaufen kann, um dann damit die Kinder auf dem Rücksitz eine Weile zu beschäftigen.

Ein gelbes Tier mit rotem Schnabel

Das gelbe Tier war langgestreckt, eine gewagte Mischung aus Wurm und Ente, hatte einen roten Schnabel und machte, wenn man den kleinen Schalter betätigte, rollierende Bewegungen zu einer eingängigen, piepsenden Melodie. Die beiden Herren Habermas und Hildebrandt legten das Plüsch-Ententier auf den Tisch und sahen ihm verklärten Blickes eine Weile dabei zu, wie es sich melodisch verrenkte – dann platzierten sie das Tier mit glucksendem und sich steigerndem Vergnügen auf Schulter oder Bein des jeweils anderen, bis sich nicht nur das Tier kringelte, sondern sie sich selbst auch.

Der Philosoph der Entängstigung

Seit Umberto Ecos Romanerfolg „Der Name der Rose“ wissen wir, dass sich Fundamentalisten vor dem Lachen fürchten. Wer lacht, hat keine Angst; Lachen hat etwas Revolutionäres. Deshalb versteckt in Umberto Ecos Roman der Mönch und Bibliothekar Jorge von Burgos das zweite Buch der Poetik des Aristoteles in seiner Bibliothek mit allen kriminellen Mitteln vor der Welt; es handelt sich nämlich um ein Buch, das das Lachen lobt.

Jorge von Burgos glaubt, dass nur Angst die Menschen dazu bringen könne, ein gottgefälliges Leben zu führen. Er fürchtet, dass das Lachen das Einschüchterungssystem des Mittelalters zum Einsturz bringen könnte. Jürgen Habermas ist das Gegenteil dieses Bibliothekars. Seine Diskurs- und Kommunikationstheorie ist eine Philosophie der Entängstigung. Sie vertraut der Kraft des Argumentierens.

Das freut einen politischen Journalisten. Dem weltweisen Jürgen Habermas alle guten Wünsche zum Geburtstag, Ihnen allen eine wunderbare Woche.


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