Kindheit und Jugend in Westdeutschland 1949 bis 1990

Von Heribert Prantl

Dieses Buch ist eine Wort- und Bildgeschichte darüber, wie unser Land war, als wir Älteren klein waren und groß geworden sind. Wir begegnen unserem Leben wieder; wir sehen und lesen, wovor wir damals Angst hatte, worauf wir stolz waren, wonach wir uns gesehnt haben. Das ist nicht einfach nostalgisch, das ist lehrreich – weil wir Älteren wieder spüren, wo wir herkommen; und weil die Jüngeren und die ganz Jungen die Welt studieren können, in die damals ihre Mütter und Väter, ihre Omas und Opas hineingeboren wurden. Die Welt der 1950er Jahre war für viele eine Welt des Auferstehens aus Ruinen; es war eine Zeit der Entbehrung, aber auch des Aufbaus, der schon bald zum Wirtschaftswunder wurde.

Der Begriff Recherche bezeichnet die gezielte, nicht beiläufige Suche nach Informationen. So sagt es Wikipedia. Als ich den Text zu diesem Bildband geschrieben habe, war es genau umgekehrt. Da war die Recherche nicht gezielt, sondern beiläufig. Ich habe alte, mittelalte und mitteljunge Freundinnen und Freunde von ihrer Kindheit und ihrer Jugend erzählen lassen, von ihrem Leben, von ihren Lieben; von ihren lauten und ihren lauen Jahren, von ihren Lastern und ihren Leidenschaften. Eine Freundin hängte zu ihrem Geburtstag Fotos aus dem Buch über die „Junge Republik“ an eine Schnur, kreuz und quer durch ihre Wohnung. Die Geburtstagsparty wurde zu einem spektakelhaften Symposion über „Kindheit und Jugend in Westdeutschland von 1949 bis 1990“. Das ist die Untertitel dieses opulenten Bildbandes, zu dem ich den Text geschrieben und zu dem ich natürlich auch viel bei mir selbst recherchiert habe – beim Publizisten Heribert Prantl, gelernter Richter und Staatsanwalt aus der Oberpfalz, viele Jahre Meinungschef bei der Süddeutschen Zeitung.

Ich war noch ein Bub, als die Amerikaner ihren Vietnamkrieg begannen und ich meine erste Begegnung mit ihnen hatte. Es war in den frühen sechziger Jahren. Durch unser kleines Städtchen in der Oberpfalz ratterten da zweimal im Jahr, zur Manöverzeit, die Panzer der US-Amerikaner, wohl auf dem Weg vom oder zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr, dem damals und heute größten US-Truppenübungsplatz in Deutschland. Bei der Engstelle am Ortseingang, dort, wo das Elternhaus meiner Mutter stand, blieb der erste Panzer stehen, um die Lage zu sondieren. Angestachelt von meinen Freunden Josef und Fritz kletterte ich einigermaßen furchtlos hinauf auf den Panzer, um dem Soldaten, dessen behelmter Kopf aus dem Turm schaute, den sorgsam eingelernten Spruch „Chewing Gum, please“ zuzurufen. Der Ruf hatte Erfolg – und die Kauerei gehörte von da an bei mir zur lässigen Lebensart.

Es war dies meine erste Bekanntschaft mit einem mir bis dahin fremden Geschmack; die zweite war dann, ein paar Jahre später, die Pizza, die ich erst einmal, des bunten Aussehens wegen, für einen Obstkuchen hielt und sie nur deswegen hinunterwürgte, um mich bei meiner Schuldfreundin Margit nicht zu blamieren; mein drittes kulinarische Experiment war dann der Opatija Grill in Regensburg mit seinen Fleischbergen auf den Tellern. Das alles ist noch nicht verdamp lang her; aber die Zeit ist trotzdem verdamp weit weg.

Wer seine Kindheit in den fünfziger und sechziger Jahren wie ich in einer kleinstädtisch-kleinbürgerlichen Welt erlebt hat, erinnert sich an die großen Säuberungsrituale – erst war, so schon vorhanden, das Auto dran, dann der Mensch. Immer am Samstag wurde gewaschen und gebadet, das Badewasser für die Familie kam nicht einfach aus der Leitung; es musste erst kompliziert erhitzt werden; und dann wurden die Kinder entweder zusammen oder nacheinander in die Wanne gesteckt – im gleichen Wasser, es musste ja gespart werden. So begann die große Säuberung der Wirtschaftswunderjahre. Vom Beginn der sechziger Jahre an kümmerten sich die Erwachsenen sehr darum, dass das Wirtschaftswunder sich in neuen Wohnzimmereinrichtungen, in Waschmaschinen, Kühlschränken, Plattenspielern, Elektroherden und Staubsaugern manifestierte. Das Wunder schlug Salto; und viele der Jungen hielten diesen Salto für einen Salto Mortale.

Heribert Prantl, Wolfgang Vollmer: Die junge Republik. Kindheit und Jugend in Westdeutschland 1949 – 1990. Das Buch ist am 2. Oktober im Kölner Greven Verlag erschienen. Es hat 256 Seiten und kostet 50 Euro.

Vom Wert der Erinnerung

Erinnern ist, so meine ich, etwas anderes als Vergangenheitssehnsucht. Erinnerung ist zukunftsgerichtet. Sie verbindet nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer fortlaufenden Lebensgeschichte.

Erinnerungen verleihen dem Leben Farbe und Tiefe. Sie sind ein Schatz, aus dem wir täglich schöpfen. Erinnerungen sind ein emotionales Reservoir. Sie sind die Quelle von Resilienz. Erinnerung schützt vor Wiederholungsfehlern. Sie hilft, Situationen und Menschen besser einzuschätzen.

Bezugsquellen: Erhältlich im Buchhandel, beim Verlag oder bei Amazon.

Pressestimmen

  • „Ein neues Fotobuch vereint einige der besten Aufnahmen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.“ (GEO-Magazin)
  • „Grandiose Bilder aus vier Jahrzehnten Jugend.“ (GEO-Magazin)
  • „Eindrucksvoller Bildband“ (Welt am Sonntag)
  • „Ein neuer Fotoband erzählt von den Sehnsüchten junger Menschen, die in einem Deutschland aufwuchsen, das selbst gerade im Entstehen war.“ (Capriccio, Bayerischer Rundfunk)
  • „Fotos, die bewegen und viel erzählen… mit erhellendem Essay von Heribert Prantl.“ (3sat)

Autoren

Prof. Dr. Heribert Prantl

Geb. 1953 und aufgewachsen in Nittenau, Oberpfalz, zählt zu den renommiertesten Publizisten Deutschlands. Als langjähriger Ressortleiter und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung prägte er über Jahrzehnte die politische Debatte in Deutschland. Heute schreibt er als Autor und Kolumnist über Politik, Gesellschaft und Demokratie. Für seine journalistische Arbeit sowie für sein publizistisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet. Im Greven Verlag veröffentlichte er bereits den Bestseller Die Bonner Republik.

Wolfgang Vollmer

Geb. 1952, ist Fotograf, Sammler und einer der profiliertesten Kenner der westdeutschen Foto- und Alltagsgeschichte. Seit vielen Jahren erschließt er Bildarchive und fotografische Nachlässe und macht sie einem breiten Publikum zugänglich. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Foto- und Kulturgeschichte, darunter die Bestseller Die Bonner Republik und Köln vor dem Krieg.