Es ist bitter, wenn der orthodoxe Patriarch von Moskau den Putin-Krieg als „Kampf gegen die Sünde“ verteidigt. Und es ist auch bitter, wenn der Vatikan dazu schweigt.

Von Heribert Prantl

Dieses Foto wird in den Geschichtsbüchern stehen; es zeigt eine Ikone, eine Ikone der Lüge. Zu sehen ist dieser entsetzlich leere und lächerlich lange Tisch im Kreml: An der einen Schmalseite sitzt Putin. An die andere Schmalseite hat Putin erst Macron und dann Scholz gesetzt – um denen dann über sieben Meter Entfernung vorzulügen, dass es keinen russischen Krieg gegen die Ukraine geben wird. Das ist nun sieben Wochen her. Eigentlich müsste Putin jetzt, der Krieg hält seit Wochen an, vor Scham über seine Lügen unter den Tisch gekrochen sein; aber er ist unverschämt.

Tische sind eigentlich friedliche Orte. An Tischen wird gegessen, geredet, verhandelt. Die Szene am Kreml-Tisch war indes eine absurde Szenerie, es war die Inszenierung von Tristesse und Zukunftslosigkeit, weil an so einem Tisch die Zukunft nicht Platz nimmt. Das Bild war der Anlass für Analysen und Kommentare über die Isolation Putins, über seinen Größenwahn und über sein Scheitern über kurz oder lang.

Diese Analysen und Kommentare waren gewiss richtig. Kurz darauf begann er den Krieg. Als ich das Bild von diesem monströsen Tisch sah, war ich gerade dabei, mir Gedanken für eine Fastenpredigt in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael zu machen, in der es um die „Umkehr der Kirche“ geht. Und ich bin vor mir selbst erschrocken, als ich bei diesem Bild der Leere nicht nur an den Kreml, sondern an die katholische Kirche dachte, der ich trotz meines Zorns über sie noch immer angehöre.

Ich dachte an die Distanz zwischen den Gläubigen und der kirchlichen Hierarchie, die viel größer ist als nur sieben Meter; ich dachte an die wachsende religiöse Entfremdung; ich dachte an die Flucht von Millionen Kirchenmitgliedern aus dieser Kirche – die Zahl der Kirchenaustritte ist groß wie nie; ich dachte an die leeren Kirchen, in denen das ewige Licht wie ein Warnsignal brennt, und daran, dass viele Kirchenmitglieder in der Zeit der Corona-Krise sich der Kirche und ihrer Riten entwöhnt haben; und ich dachte an den Synodalen Weg, der den leeren Tisch wieder zu einem gedeckten Tisch machen will, an dem man gern Platz nimmt; zu einem Tisch, an dem man zusammenrückt, an dem man Gemeinschaft spürt, an dem man trotz alledem, trotz aller Nöte und Gefahren auf Kräftigung hofft und darauf, dass es ein Morgen gibt.

Eine existenzielle Sinnkrise

Nein, ich ziehe keine direkte Linie von der Kreml-Autokratie zur katholischen Kirche; aber mich fasst die Tristesse und die Trostlosigkeit an, die dieser leere Tisch verbreitet: Man spürt in der Kirche wenig vom gemeinsamen Abendmahl, vom Überwinden von Ängsten und Todesangst, vom Einanderbeistehen. Die Kirche hat Zorn verdient, weil sie den tausendfachen sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester so lange verheimlicht und verharmlost hat; weil sie geglaubt hat und manchmal immer noch glaubt, sie müsse sich nur ducken, bis der Sturm vorübergeht. Nicht nur die Kirche in Deutschland, die Weltkirche ist in einer existentiellen Systemkrise – auch deswegen, weil sie sich den Fragen nach den Fehlern im System nicht oder viel zu wenig stellt. Sie braucht Umkehr zu sich selbst. Die sexuelle Ausbeutung von Wehrlosen ist das Risiko einer zwangszölibatären, autoritären Kirche, die in zweitausend Jahren zwar die Frauen aus allen Machtpositionen vertrieben hat, aber den Menschen nicht die Sexualität austreiben konnte.

Es ist Zeit für eine neue Reformation. Zu den Reformen gehört eine Verbrüderlichung und Verschwesterlichung, also Gleichberechtigung und Enthierarchisierung, zu den Reformen gehört die Ordination von Frauen – zu den Reformen gehört eine neue Sexualmoral.

Kyrill I., der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, hat Putins Angriffskrieg als einen „Krieg gegen die Sünde“ bezeichnet. In einer Predigt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale legitimierte er den russischen Angriff so: Dieser diene unter anderem dem Schutz seiner Kirchenmitglieder vor Menschen, deren sexuelle Orientierung nicht den Werten seines Glaubens entspreche, sagte der Patriarch. Er versteht den Krieg in der Ukraine als Krieg des Lichts gegen die sündigen Werte, die den wahren Orthodoxen von den „Weltmächten“ aufgezwungen würden. Das ist homophober Nationalismus; er ist Sünde. Und es ist auch Sünde, wenn der Vatikan dazu schweigt.

Diese Aggressivität gegen schwule und lesbische Menschen perpetuiert und verteidigt eine verquere, menschenfeindliche Sexualmoral, wie sie auch der katholischen Kirche lange eigen war und oft immer noch ist. Erinnern wir uns an die vatikanische Weigerung, homosexuelle Paare zu segnen.

Umkehr – das ist die Abwendung von der Sünde, Umkehr – das ist der Weg weg von der Sünde. Um den richtigen Weg zu gehen, muss man also wissen, was Sünde ist. Wenn man Sünde falsch beschreibt, wenn man als Sünde definiert und wenn man als Sünde predigt, was keine Sünde ist, dann besteht die Umkehr darin, die angebliche Sünde zu entsündigen.

Was ist Sünde? Die Kirche hat jahrhundertelang Sünden gepredigt, die keine sind. Das sündige Dogma hieß und heißt immer noch: Sex ist allein in der Ehe von Mann und Frau erlaubt. Und die Ehe, so sagt das Dogma, steht unter der doppelten Forderung der Treue und der Fortpflanzung. Das sei Gottes Schöpfungsordnung. Alles andere: Sünde. Für eine solche Theologie war und ist das konkrete Leben ganz offensichtlich keine erkenntnisleitende Kategorie. Man nennt das Dogmatismus. So wird aus dem, was der menschliche Normalfall ist, dass man also vor der Ehe miteinander schläft, dass viele Menschen homosexuell geboren werden, dass Ehen scheitern, eine kaum beherrschbare „komplexe Situation“.

Die Jungfrauengeburt als verquere Sexuallehre

Dabei würde die Bibel es erlauben, lustvoll, großzügig und frei über Sexualität zu sprechen. Die biblische Sprache hat ein wundervolles Wort dafür, wenn zwei Menschen miteinander schlafen. Es heißt: Sie erkennen einander. Sie gewähren einander Zugang zu dem, was das Persönlichste und Verletzlichste ist: zum eigenen Körper. Dieses Erkennen gehört so selbstverständlich zum Leben wie das Atmen, das Essen und Trinken. Die Kirchen haben dieses Erkennen jahrhundertelang verkannt und verketzert, haben Verbote und Tabus in die Köpfe gepflanzt. Sexualität hatte eine besondere Nähe zu Schmutz und Sünde.

Keine sexuelle Orientierung ist an sich verwerflich. Verwerflich ist aber jeder unfreiwillige, bemächtigende, gewalttätige Sex, nicht die Partnerschaft von zwei Männern oder Frauen. Verwerflich sind in der Bibel Ausbeutung, Machtmissbrauch, Erniedrigung und Heuchelei.

Die Kirchenlehrer haben die wunderbare Geschichte von der Jungfrauengeburt Mariens fast zwei Jahrtausende lang missbraucht, um die Sexualität zu verdammen, um Jungfräulichkeit und sexuelle Enthaltsamkeit als das große Ideal zu preisen. Aus der Jungfrauengeburt wurde eine Sexuallehre, ein sexuelles Dogma gemacht, es wurde so getan, als sei die Lehre von der Jungfrauengeburt ein Spezialgebiet der Sexualkunde.

Jungfrauengeburt meint aber etwas ganz anderes, nichts Biologisches, sondern etwas Geistliches. „Jungfrauengeburt“ soll besagen, dass etwas ganz Neues zur Welt kommt, das nicht männlicher Macht entspringt.

In der Kirche muss Neues zur Welt kommen. Die soeben im Vatikan vorgestellte Kirchenreform, das neue vatikanische Grundgesetz, ist vielleicht, hoffentlich, ein Anfang. Die Dikasterien, also die Ministerien des Heiligen Stuhls, dürfen künftig auch von Laien, und zwar von Männern und Frauen, geleitet werden. „Ecclesia semper reformanda“: Die Kirche muss sich ständig reformieren. Der Spruch darf kein Sprüchlein bleiben, wenn diese Kirche eine Zukunft haben will.


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